Brecht – Mahagonny – Organon

image_pdfimage_print

Zitatübersicht zu Brecht: „Anmerkungen zur Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ sowie „Kleines Organon für das Theater“

 

Zitat

Seiten*

Zitat

Seiten*

1 Zwei Formen des Theaters I

78

11 Verfremdung

81

2 Zwei Formen des Theaters II

79

12 Materialistische Dialektik

82

3 Zwei Formen des Theaters III

85

13 Epische Spielweise

83

4 Vorhaben des Organon

65

14 Experiment

85

5 Vergnügen des Zuschauers

67

15 Herzstück Fabel

92

6 Fabel

70

16 Musik

95

7 Wissenschaft und Mensch

70

17 Bühnenbildner

95

8 Veränderung der Welt

73

18 Choreographie

96

9 Lehr- und Produktionsstätten

74

19 Theaterkünste

96

10 Kritik am alten Theater

78

20 Das neue Theater

97

 

in der Berliner und Frankfurter Ausgabe

 

Dramatische Form des Theaters Epische Form des Theaters
Die Bühne »verkörpert« einen Vorgang sie erzählt ihn
verwickelt den Zuschauer in eine Aktion und verbraucht seine Aktivität macht ihn zum Betrachter, aber weckt seine Aktivität
ermöglicht ihm Gefühle erzwingt von ihm Entscheidungen
vermittelt ihm Erlebnisse vermittelt ihm Kenntnisse
der Zuschauer wird in eine Handlung hineinversetzt er wird ihr gegenübergesetzt
es wird mit Suggestion gearbeitet es wird mit Argumenten gearbeitet
die Empfindungen werden konserviert bis zu Erkenntnissen getrieben
der Mensch wird als bekannt vorausgesetzt der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung
der unveränderliche Mensch der veränderliche und verändernde Mensch
Spannung auf den Ausgang Spannung auf den Gang
eine Szene für die andere jede Szene für sich
die Geschehnisse verlaufen linear in Kurven
natura non facit saltus facit saltus
die Welt, wie sie ist die Welt, wie sie wird
was der Mensch soll was der Mensch muß
seine Triebe seine Beweggründe
das Denken bestimmt das Sein das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken (Mahagonny, Anhang/85)

 

Bertold Brecht: „Anmerkungen zur Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ sowie „Kleines Organon für das Theater“

 

Textgrundlage: Werke. Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hrsg. Von Werner Hecht u.a., Bände 23 und 24. Berlin, Weimar, Frankfurt a.M. o.J.

 

Zitat 1 Zwei Formen des Theaters I
Epische Form des Theaters Dramatische Form des Theaters
erzählend handelnd
macht den Zuschauer zum Betrachter, aber verwickelt den Zuschauer in eine Bühnenaktion
weckt seine Aktivität verbraucht seine Aktivität
erzwingt von ihm Entscheidungen ermöglicht ihm Gefühle
Weltbild Erlebnis
er wird gegenübergesetzt Der Zuschauer wird in etwas hineinversetzt
Argument Suggestion
bis zu Erkenntnissen getrieben Die Empfindungen werden konserviert
Der Zuschauer steht gegenüber Der Zuschauer steht mittendrin
studiert Miterlebt (Mahagonny/Seite 78)

 

Zitat 2 Zwei Formen des Theaters II
Epische Form des Theaters Dramatische Form des Theaters
Der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung Der Mensch als bekannt vor ausgesetzt
Der veränderliche und verändernde Mensch Der unveränderliche Mensch
Spannung auf den Gang Spannung auf den Ausgang
Jede Szene für sich Eine Szene für die andere
Montage Wachstum
in Kurven Geschehen linear
Sprünge evolutionäre Zwangsläufigkeit
Der Mensch als Prozeß Der Mensch als Fixum
Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken Das Denken bestimmt das Sein
Ratio Gefühl (Mahagonny/79)

 

Zitat 3 Zwei Formen des Theaters III
Epische Form des Theaters Dramatische Form des Theaters
sie erzählt ihn Die Bühne »verkörpert« einen Vorgang
macht ihn zum Betrachter, aber weckt seine Aktivität verwickelt den Zuschauer in eine Aktion und verbraucht seine Aktivität
erzwingt von ihm Entscheidungen ermöglicht ihm Gefühle
vermittelt ihm Kenntnisse vermittelt ihm Erlebnisse
er wird ihr gegenübergesetzt der Zuschauer wird in eine Handlung hineinversetzt
es wird mit Argumenten gearbeitet es wird mit Suggestion gearbeitet
bis zu Erkenntnissen getrieben die Empfindungen werden konserviert
der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung der Mensch wird als bekannt vorausgesetzt
der veränderliche und verändernde Mensch der unveränderliche Mensch
Spannung auf den Gang Spannung auf den Ausgang
jede Szene für sich eine Szene für die andere
in Kurven die Geschehnisse verlaufen linear
facit saltus natura non facit saltus
die Welt, wie sie wird die Welt, wie sie ist
was der Mensch muß was der Mensch soll
seine Beweggründe seine Triebe
das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken (Mahagonny, Anhang/85) das Denken bestimmt das Sein

 

Zitat 4 Vorhaben des Organon
In der Folge wird untersucht, wie eine Ästhetik aussähe, bezogen von einer bestimmten Art, Theater zu spielen, die seit einigen Jahrzehnten praktisch entwickelt wird. (Organon/ Vorrede/65)

 

Zitat 5 Vergnügendes Zuschauers
Seit jeher ist es das Geschäft des Theaters wie aller andern Künste auch, die Leute zu unterhalten. […] Nicht einmal zu lehren sollte ihm zugemutet werden, jedenfalls nichts Nützlicheres, als wie man sich genußvoll bewegt, in körperlicher oder geistiger Hinsicht. Das Theater muß nämlich durchaus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich dann bedeutet, daß man für den Überfluß ja lebt. (Organon/ Abschnitt N ° 3/67)

 

Zitat 6 Fabel
Dann halten wir uns schadlos an […] poetischen und theatralischen Mittel[n], welche die Unstimmigkeiten der Geschichte verbergen. […] Und die Fabel ist nach Aristoteles und wir denken da gleich –die Seele des Dramas. Mehr und mehr werden wir gestört durch die Primitivität und Sorglosigkeit der Abbildungen menschlichen Zusammenlebens, und dies nicht nur bei den alten Werken, sondern auch bei zeitgenössischen, wenn sie nach alten Rezepten gemacht sind. Unsere ganze Art, zu genießen, beginnt unzeitgemäß zu werden. (Organon/N ° 12/70)

 

Zitat 7 Wissenschaft und Mensch
Wenn wir nämlich Umschau halten nach einer Unterhaltung unmittelbarer Art, einem umfassenden, durchgehenden Vergnügen, das unser Theater uns mit Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens verschaffen könnte, müssen wir an uns als an die Kinder eines wissenschaftlichen Zeitalters denken. Unser Zusammenleben als Menschen -und das heißt: unser Leben -ist in einem ganz neuen Umfang von den Wissenschaften bestimmt. (Organon/N ° 14/70)

 

Zitat 8 Veränderung der Welt
Die Haltung ist eine kritische. […] Unsere Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens machen wir für die Flußbauer, Obstzüchter, Fahrzeugkonstrukteure und Gesellschaftsumwälzer, die wir in unsere Theater laden und die wir bitten, ihre fröhlichen Interessen bei uns nicht zu vergessen, auf daß wir die Welt ihren Gehirnen und Herzen ausliefern, sie zu verändern nach ihrem Gutdünken. (Organon/N ° 22/73)

 

Zitat 9 Lehr- und Produktionsstätten
Das Theater muß sich in der Wirklichkeit engagieren, um wirkungsvolle Abbilder der Wirklichkeit herstellen zu können und zu dürfen.[*] Dies erleichtert es aber dann dem Theater, so nahe an die Lehr- und Publikationsstätten zu rücken, wie ihm möglich ist.[**] (Organon/*= N ° 23/74/**=N ° 24/74)

 

Zitat 10 Kritik am alten Theater II
Das Theater, wie wir es vorfinden, zeigt die Struktur der Gesellschaft (abgebildet auf der Bühne) nicht als beeinflußbar durch die Gesellschaft (im Zuschauerraum). (Organon/N ° 33/78)

 

Zitat 11 Verfremdung
Diesen Blick, so schwierig wie produktiv, muß das Theater mit seinen Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens provozieren. Es muß sein Publikum wundern, und dies geschieht vermittels einer Technik der Verfremdungen des Vertrauten.[*] […] Eine verfremdende Abbildung ist eine solche, die den Gegenstand zwar erkennen, ihn aber doch zugleich fremd erscheinen läßt. [**] (Organon/*=N ° 44/82/**=N ° 42/81)

 

Zitat 12 Materialistische Dialektik
Welche Technik es dem Theater gestattet, die Methode der neuen Gesellschaftswissenschaft, die materialistische Dialektik, für seine Abbildungen zu verwerten. Diese Methode behandelt, um auf die Beweglichkeit der Gesellschaft zu kommen, die gesellschaftlichen Zustände als Prozesse und verfolgt diese in ihrer Widersprüchlichkeit. (Organon/N ° 45/82)

 

Zitat 13 Epische Spielweise
Dies, daß der Schauspieler in zweifacher Gestalt auf der Bühne steht, als Laughton und als Galilei, daß der zeigende Laughton nicht verschwindet in dem gezeigten Galilei, was dieser Spielweise auch den Namen »die epische« gegeben hat, bedeutetschließlich nicht mehr, als daß der wirkliche, der profane Vorgang nicht mehr verschleiert wird […]. (Organon/N ° 49/83)

 

Zitat 14 Experiment
Es ist nur nötig -dies aber unbedingt -, daß im großen und ganzen so etwas wie Experimentierbedingungen geschaffen werden, d. h. daß jeweils ein Gegenexperiment denkbar ist. Wird doch die Gesellschaft überhaupt hier so behandelt, als mache sie, was sie macht, als ein Experiment. (Organon/N ° 52/85)

 

Zitat 15 Herzstück Fabel
Auf die »Fabel« kommt alles an, sie ist das Herzstück der theatralischen Veranstaltung. Denn von dem, was zwischen den Menschen vorgeht, bekommen sie ja alles, was diskutierbar, kritisierbar, änderbar sein kann. (Organon/N ° 65/92)

 

Zitat 16 Musik
Den allgemeinen Gestus des Zeigens, der immer den besonderen gezeigten begleitet, betonen die musikalischen Adressen an das Publikum in den Liedern. (Organon/N ° 71/95)

 

Zitat 17 Bühnenbildner
Wie der Musiker seine Freiheit zurückbekommt, indem er nicht mehr Stimmungen schaffen muß, die es dem Publikum erleichtern, sich haltlos den Vorgängen auf der Bühne hinzugeben, so bekommt der Bühnenbildner viel Freiheit, wenn er beim Aufbau der Schauplätze nicht mehr die Illusion eines Raumes oder einer Gegend erzielen muß. Da genügen Andeutungen […]. (Organon/N ° 72/95)

 

Zitat 18 Choreographie
Auch die Choreographie bekommt wieder Aufgaben realistischer Art. (Organon/ N ° 73/96)

 

Zitat 19 Theaterkünste
So seien all die Schwesterkünste der Schauspielkunst hier geladen, nicht um ein »Gesamtkunstwerk« herzustellen, in dem sie sich alle aufgeben und verlieren, sondern sie sollen, zusammen mit der Schauspielkunst, die gemeinsame Aufgabe in ihrer verschiedenen Weise fördern, und ihr Verkehr miteinander besteht darin, daß sie sich gegenseitig verfremden. (Organon/N ° 74/96)

 

Zitat 20 Das neue Theater
Die Abbildungen müssen nämlich zurücktreten vor dem Abgebildeten, dem Zusammenleben der Menschen, und das Vergnügen an ihrer Vollkommenheit soll in das höhere Vergnügen gesteigert werden, daß die zutage getretenen Regeln in diesem Zusammenleben als vorläufige und unvollkommene behandelt sind. In diesem läßt das Theater den Zuschauer produktiv, über das Schauen hinaus. In seinem Theater mag er seine schrecklichen und nie endenden Arbeiten die ihm den Unterhalt geben sollen, genießen als Unterhaltung, samt den Schrecken seiner unaufhörlichen Verwandlung. Hier produziere er sich in der leichtesten Weise; denn die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst. °(Organon/N77/97)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.