Nietzsche – Die Geburt der Tragödie

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Zitatübersicht zu Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

 

Zitat

 

Seiten*

Zitat  

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1

Apollinisches und Dionysisches

22f.

11

Sokrates I: Monstrosität

91

2

Rauschmittel

26

12

Sokrates II: Kunst und Wissenschaft

97

3

Kunsttriebe

28

13

Sokrates III: Tragische Erkenntnis

102f.

4

Olympische

33

14

Zwei Wirkungen der dionysischen Kunst

109

5

Naiv

34f.

15

Metaphysische Freude am Tragischen

110

6

Vier Kunststufen

39f.

16

Tod der Tragödie

116f.

7

Musik als erscheinender Wille

49

17

Deutsche, dionysische Musik

130

8

Dionysischer Ekel

55

18

Rettung vom Urleiden

140

9

Rettung

56

19

Höchstes Ziel der Tragödie

142f.

10

Mysterienlehre der Tragödie

72

20

Wechselspiel der zwei Elemente

160

 

 

       * im Reclamheft

 

   
                 

 

 

 

Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872)
 
Textgrundlage: Die Geburt der Tradödie. Wilhelm Goldmann Verlag. München 1959.
 
 
Zitat 1 Apollinisches und Dionysisches
 
An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntnis, daß in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht […] Um uns jene beiden Triebe näherzubringen, denken wir sie uns zunächst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches; zwischen welchen physiologischen Erscheinungen ein entsprechender Gegensatz wie zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu bemerken ist. (Kapitel 1/Seiten 22f.)
 
 
Zitat 2 Rauschmittel
 
Entweder durch den Einfluß des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjektive zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. (1/26)
 
 
Zitat 3 Kunsttriebe
 
Wir haben bis jetzt das Apollinische und seinen Gegensatz, das Dionysische, als künstlerische Mächte betrachtet, die aus der Natur selbst, ohne Vermittelung des menschlichen Künstlers, hervorbrechen und in denen sich ihre Kunsttriebe zunächst und auf direktem Wege befriedigen: einmal als die Bilderwelt des Traumes, deren Vollkommenheit ohne jeden Zusammenhang mit der intellektuellen Höhe oder künstlerischen Bildung des einzelnen ist, andererseits als rauschvolle Wirklichkeit, die wiederum des einzelnen nicht achtet, sondern sogar das Individuum zu vernichten und durch eine mystische Einheitsempfindung zu erlösen sucht.  (2/28)
 
 
Zitat 4 Olympische
 
Jetzt öffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: Um überhaupt leben zu können, mußte er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. (3/33)
 
 
Zitat 5 Naiv
 
Hier muß nun ausgesprochen werden, daß diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller das Kunstwort „naiv“ in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an der Pforte jeder Kultur, als einem Paradies der Menschheit, begegnen müßten […] Mit dieser Schönheitsspiegelung [der Götter] kämpfte der hellenische „Wille“ gegen das dem künstlerischen korrelative Talent zum Leiden und zur Weisheit des Leidens: und als Denkmal seines Sieges steht Homer vor uns,  der naive Künstler. (3/34f.)
 
 
Zitat 6 Vier Kunststufen
 
Wie aus dem „erzenen“ Zeitalter […] sich unter dem Walten des apollinischen Schönheitstriebes die homerische Welt entwickelt, wie diese „naive“ Herrlichkeit wieder von dem einbrechenden Strome des Dionysischen verschlungen wird und wie dieser neuen Macht gegenüber sich das Apollinische zur starren Majestät der dorischen Kunst und Weltbetrachtung erhebt. Wenn auf diese Weise die ältere hellenische Geschichte […] in vier große Kunststufen zerfällt: so sind wir jetzt gedrängt, weiter nach dem letzten Plane dieses Werdens und Treibens zu fragen […] das […] Kunstwerk der attischen Tragödie und des dramatischen Dithyrambus, als das gemeinsame Ziel beider Triebe […] (4/39f.)
 
 
Zitat 7 Musik als erscheinender Wille
 
„ Als was erscheint die Musik im Spiegel der Bildlichkeit und der Begriffe?“ Sie erscheint als Wille, das Wort im Schopenhauerischen Sinne genommen, das heißt als Gegensatz der ästhetischen, rein beschaulichen willenlosen Stimmung. Hier unterscheide man nun so scharf als möglich den Begriff des Wesens von dem der Erscheinung: Denn die Musik kann, ihrem Wesen nach, unmöglich Wille sein, weil sie als solcher gänzlich aus dem Bereich der Kunst zu bannen wäre denn der Wille ist das an sich Unästhetische ; aber sie erscheint als Wille. (6/49)
 
 
Zitat 8 Dionysischer Ekel
 
Sobald aber jene alltägliche Wirklichkeit wieder ins Bewußtsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustände. In diesem Sinne hat der dionysische MenschÄhnlichkeit mit Hamlet: Beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, daß ihnen zugemutet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wiedereinzurichten. Die Erkenntnis tötet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion […].  (7/55)
 
 
Zitat 9 Rettung
 
Hier, in dieser höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkundige Zauberin, die Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben läßt: Diese sind das Erhabene, als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen, und das Komische, als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden. Der Satyrchor des Dithyrambus ist die rettende Tat der griechischen Kunst […]. (7/56)
 
 
Zitat 10 Mysterienlehre der Tragödie
 
In den angeführten Anschauungen haben wir bereits alle Bestandteile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung und zugleich damit die Mysterienlehre der Tragödie zusammen: die Grunderkenntnis von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung derIndividuation als des Urgrundes des Übels, die Kunst als die freudige Hoffnung, daß der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. (10/72)
 
 
Zitat 11 Sokrates I: Monstrosität
 
Während doch bei allen produktiven Menschen der Instinkt gerade die schöpferischaffirmative Kraft ist und das Bewußtsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein zum Schöpfer eine wahre Monstrosität per defectum! (13/91)
 
 
Zitat 12 Sokrates II: Kunst und Wissenschaft
 
Öfters kam ihm, wie er im Gefängnis seinen Freunden erzählt, ein und dieselbe Traumerscheinung, die immer dasselbe sagte: „Sokrates, treibe Musik!“ […] Vielleicht gibt es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Vielleicht ist die Kunst sogar ein notwendiges Korrelativem und Supplement der Wissenschaft? (14/97)
 
 
Zitat 13 Sokrates III: Tragische Erkenntnis
 
Nun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem kräftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und während noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis völlig ausgemessen werden könnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch noch vor der Mitte seines Daseins und unvermeidlich auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den Schwanz beißt da bricht die neue Form der Erkenntnis durch, die tragische Erkenntnis, die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die Kunst braucht. (15/102f.)
 
 
Zitat 14 Zwei Wirkungen der dionysischen Kunst
 
Zweierlei Wirkungen pflegt also die dionysische Kunst auf das apollinische Kunstvermögen auszuüben: Die Musik reizt zum gleichnisartigen Anschauen der dionysischen Allgemeinheit, die Musik läßt sodann das gleichnisartige Bild in höchster Bedeutsamkeit hervortreten. (16/109)
 
 
Zitat 15 Metaphysische Freude am Tragischen
 
Die metaphysische Freude am Tragischen ist eineÜbersetzung der instinktiv unbewußten dionysischen Weisheit in die Sprache des Bildes: Der Held, die höchste Willenserscheinung, wird zu unserer Lust verneint, weil er doch nur Erscheinung ist und das ewige Leben des Willens durch seine Vernichtung nicht berührt wird. „Wir glauben an das ewige Leben“, so ruft die Tragödie; während die Musik die unmittelbare Idee dieses Lebens ist. (16/110)
 
 
Zitat 16 Tod der Tragödie
 
Jetzt [nach Euripides], als der Genius der Musik aus der Tragödie entflohen war, ist, im strengen Sinne, die Tragödie tot […] Ich will nicht sagen, daß die tragische Weltbetrachtung überall und völlig durch den andrängenden Geist des Undionysischen zerstört wurde: Wir wissen nur, daß sie sich aus der Kunst gleichsam in die Unterwelt, in einer Entartung zum Geheimkult, flüchten mußte. (17/116f.)
 
 
Zitat 17 Deutsche, dionysische Musik
 
Aus dem dionysischen Grunde des deutschen Geistes ist eine Macht emporgestiegen, die mit den Urbedingungen der sokratischen Kultur nichts gemein hat und aus ihnen weder zu erklären noch zu entschuldigen ist, vielmehr von dieser Kultur als das SchrecklichUnerklärliche, als das ÜbermächtigFeindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir sie vornehmlich in ihrem mächtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner zu verstehen haben. (19/130)
 
 
Zitat 18 Rettung vom Urleiden
 
So gewaltig auch das Mitleiden in uns hineingreift, in einem gewissen Sinne rettet uns doch das Mitleiden vor dem Urleiden der Welt wie das Gleichnisbild des Mythos uns vor dem unmittelbaren Anschaun der höchsten Weltidee wie der Gedanke und das Wort uns vor dem ungedämmten Ergusse des unbewußten Willens rettet. (21/140)
 
 
Zitat 19 Höchstes Ziel der Tragödie
 
Im Grunde ist ja das Verhältnis der Musik zum Drama gerade das umgekehrte: Die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama nur ein Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben. […] Das Drama […] erreicht als Ganzes eine Wirkung, die jenseits aller apollinischen Kunstwirkungen liegt. In der Gesamtwirkung der Tragödie erlangt dasDionysische wieder das Übergewicht; sie schließt mit einem Klange, der niemals von dem Reiche der apollinischen Kunst her tönen könnte. […] Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schließlich die Sprache des Dionysus: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist. (21/142f.)
 
 
Zitat 20 Wechselspiel der zwei Elemente
 
Dabei darf von jenem Fundamente aller Existenz, von dem dionysischen Untergrunde der Welt, genau nur so viel dem menschlichen Individuum ins Bewußtsein treten, als von jener apollinischen Verklärungskraft wieder überwunden werden kann, so daß diese beiden Kunsttriebe ihre Kräfte in strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetze ewiger Gerechtigkeit, zu entfalten genötigt sind. Wo sich die dionysischen Mächte so ungestüm erheben, wie wir dies erleben, da muß auch bereits Apollo, in eine Wolke gehüllt, zu uns herniedergestiegen sein; dessen üppigste Schönheitswirkungen wohl eine nächste Generation schauen wird. (25/160)

 

 

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